Aus dem Leben

Männer, Armbanduhren und die Zeit anhalten

Ich bin, wie die meisten meiner Gattung, ein Mann ohne viele Accessoires. Denn seien wir mal ehrlich: Welches Pendand zu Ohrringen, Halsketten, Ringen, Armreifen und all dem Gold und Silberklimmbimm der Frauenwelt haben wir eigentlich? Gut, man könnte sagen, daß all dies in Zeiten des modernen Mannes auch einer gewissen Gleichberechtigung unterlegen ist und man sich heutzutage als metrosexuelle Persönlichkeit vor nichts mehr verstecken oder sich gar rechtfertigen muß.

Aber an der Stelle hört für mich das moderne Leben auf. Denn für mich bedeutet Mode und Stil haben nicht, um jeden Preis aufzufallen. Ich persönlich glaube sowieso, daß dies viel zu oft die wahren Beweggründe hinter all den gehypten Erscheinungen und Trends sind. Nehmen wir als Beispiel die aktuell so hoch gehandelten Hippster Bärte. Ich kenne einige wenige, die ihren Bart völlig authentisch und voller Liebe tragen und pflegen. Das war schon vor vielen Jahren so, gilt dieser Tage und auch in weiteren 10 Jahren werden sie das Maß aller Dinge der Bärtigen sein, unabhängig jedweden Trends. Und genau diese wenigen Bartfriends wollen gar nicht die aktuelle Aufmerksamkeit, sondern still weiter ihre Bartkultur leben und feiern. Und dann gibt es da noch die anderen 90% der Agenturszene… Aber das ist ein Thema für sich, dem ich mich in Kürze gesondert widmen werde.

Wir halten also fest, daß ich meinen eigenen Stil habe und ihn bestmöglich zu pflegen versuche. Ich gebe zu, daß oftmals die Zeit fehlt, dem Drang der Erweiterung des Kleiderschrankes nachzukommen, da die Geschäfte zum Feierabend meist geschlossen sind und die wenige verbleibende Zeit des Wochenendes besser investiert werden kann. Damit wären wir aber auch so langsam beim eigentlichen Thema: Zeit.

 

Zeit, ein knappes Gut

Ich habe das Gefühl, daß mit jedem weiteren Jahr auf meiner Lebensuhr diese wiederrum schneller tickt. Und ich erinnere mich so gut an die Jahre, als die Zeit gar nicht zu vergehen schien. Die Jahre der Kindheit draußen beim Spielen, als ein Wochenende oder zwei Wochen Ferien schier unendlich erschienen. Die Schulzeit, als alles etwas schneller wurde, aber sich dennoch ein Hobby an das andere reihte und man am Ende eines Tages auf viele Geschichten und Erlebnisse zurückblicken konnte. Die Studienzeit… …Ach ja, die Studienzeit. Und dann begann das Berufsleben, die Ambitionen wurden immer größer, die Herausforderungen immer mehr und nach und nach blieb am Ende des Tages immer weniger Tag übrig. Aber das ist nun bitte nicht falsch zu verstehen. Ich bin keiner derjenigen, die ein so schier unglaublich stressiges Leben haben, daß sie jedem davon erzählen müssen – die Burnout bedrohten Trittbrettfahrer. Ich bin ein stiller Genießer meines Zeitmangels und denke mir in solchen Situationen meinen Teil. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich habe einen Traumjob, der mich viel Zeit und Verantwortung kostet. Und ich habe ein Privatleben, daß mir jede einzelne Minute wert ist. Beides erfüllt mich maximal. Und doch könnte man einfach mehr Zeit auf dem Konto haben. Hat man aber nicht, deshalb sollte sie gut investiert sein.

Aber es gibt diesen einen Moment am Tag, in dem ich Gott spielen kann und die Zeit anhalte. In dem es mir gelingt, mich der Schnellebigkeit der Gesellschaft zu entziehen und etwas zu tun, was alles andere als zeitoptimiert ist. Ein Augenblick tiefster Meditation, innerer Ruhe und Ausgeglichenheit. Zwei Minuten, die mich den ganzen Tag begleiten werden. Und jetzt schließt sich der Kreis sämtlicher Vorreden, die auch schon wieder viel zu lang geworden sind. Man nehme das männliche Dilemma der fehlenden Accessoires und paare es mit dem, was die Welt am laufen und mittlerweile pausenlos rennen hält.

Offen gesprochen, ich zelebriere den Moment – meine zwei Minuten – in denen ich das iPhone beiseite lege und aufhöre, meinen Tag gedanklich zu planen. Und nur für das Protokoll und sozusagen als Essenz dieses Beitrags und gerne auch zur Motivation der Nachahmung sei minuziös beschrieben, was ich in diesen zwei Minuten tue.

 

2 Minuten die Zeit anhalten

Aufgestanden, als Morgenmuffel den Tag diverse Male verflucht, geduscht und in drei Durchgängen zwischendurch bereits Mails gecheckt und beantwortet nähere ich mich der Frage, mit welchem Outfit ich den Tag bestreiten möchte. Und beim Betreten des Ankleidezimmers überkommt mich allmorgendlich dieser Moment, der eine Mischung aus meditativer Routine und Entspannung sowie kleinkindlicher Freude ist: Die Wahl, welche Armbanduhr am heutigen Tage mein Handgelenk schmücken darf. Und viele von Euch oder gar die meisten können es sicherlich nicht nachvollziehen, weil andere Prioritäten und Vorlieben euer Eigen sind, aber:

Bei mir bestimmt meine spontane Lust und mein Gefühl für den Tag die Wahl der Uhr. Und die Komposition der Kleidung ist dann eher das Resultat der heute aktuellen Uhr. Ich gehe sogar so weit zu sagen, daß an vielen Tagen die Kleidung mein Accessoire zur Uhr ist und nicht umgekehrt.

Meine Liebe zu Uhren wird durch die Besonderheit ergänzt, daß ich ausschließlich Automatik Uhren trage. Warum? Diese Frage würde niemals die Lippen eines Besitzers dieser Uhren verlassen. Es ist die Pflege, Zuneigung und Zeit, die eine solche Uhr für sich beansprucht. Es ist die Selbstverständlichkeit, daß die Zeit nicht einfach tickt. Natürlich tut sie es, permanent und unaufhaltsam. Aber nicht auf diesen kleinen Meisterwerken der Handwerkskunst. Die Wahl der Uhr getroffen, setze ich mich vor meinen antiken Schreibtisch, der sicherlich auch viele Geschichten zu erzählen weiß und drehe das filigrane Rädchen, bis die Zeiger mir die richtige Zeit anzeigen. Und so sehr man dies auch durch schnelles Drehen beschleunigen könnte, so folge ich andächtig den Zeigern, Runde um Runde, drehe langsam und ehrfürchtig ob der vielen Stunden der Hochzeit aller Zahnrädchen dieser Uhr, bis diese in der realen Minute angekommen ist.

Dann drehe ich zwei Minuten weiter, um auch immer pünktlich zu sein und damit meine notorischen Verspätungen zumindest ein wenig einzudämmen.

Mit der gleichen Andacht ziehe ich die Uhr auf, damit sie für die nächsten ein bis zwei Tage gerüstet ist. Kaum einer mag es nachvollziehen können, aber dieser Moment, diese zwei Minuten sind der Punkt tiefster Entspannung und Ruhe für mich. Und gleichermaßen pflanze ich mit diesem Ritual einen Gedanken in meinem Kopf, den ich beim Blick auf die Uhr in jeder noch so stressigen Situation widerherstellen kann – einen kurzen Moment der Ruhe.

Es mag insgesamt etwas abgefahren klingen und ich hoffe nicht, daß mich jemand jetzt als Spinner abheftet. Aber für mich sind Armbanduhren der einzigartige und unverkenntliche Ausdruck meiner Persönlichkeit, meines Stils und oftmals auch Stimmung des Tages. Sie schmücken nicht nur, sie begleiten durch den Tag und lassen mich immer wieder in Ehrfurcht vor der handwerklichen Meisterleistung inne halten.

Wie schon einige Absätze vorher beschrieben: Ich freue mich jeden Morgen wie ein Kind über seine Legosteine, wenn es um diese zwei Minuten geht. Jede Uhr hat etwas Besonderes. Und ist sie noch so lange in meinem Bestand, bleibt die Freude immer gleich groß. Meine Hommage an Armbanduhren!

…aber Lego finde ich auch klasse! Das ist jedoch ein anderes Thema…

 

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