Aus dem Leben

Immobilienmakler – braucht kein Mensch

Immobilienmakler. Punkt. Oder lieber: Ausrufezeichen! Ist damit eigentlich schon alles gesagt und Du und ich schauen uns in die Augen und wissen beide, worüber wir sprechen und sind gleich kopfschüttelnder Weise ohne ein einziges Wort zu verlieren einer Meinung? Gibt es da draußen wirklich irgend jemand, der bei diesem einen Wort nicht gleich weiß, was jetzt kommen wird? Habe ich vielleicht die Zauberformel entdeckt? Ich nenne ein Wort und in den Köpfen all meiner Leser spielen sich direkt die relevanten Geschichten ab – ein Mix aus Erfahrungen der Vergangenheit, umhüllt mit Begebenheiten, die Freunde einem erzählt haben und garniert mit einer Prise Vorurteilen?

 

Einwortliteratur

Wie klasse wäre das denn: Ich präsentiere meinen neuen Artikel mit der Überschrift „Immobilienmakler“ und dem dazugehörigen 15 Zeichen Text „Immobilienmakler“. Von Kritikern in den Himmel gelobt und von der Presse gefeiert, ausgezeichnet mit dem Literaturnobelpreis in der Kategorie „Vielseitigkeit“. Und noch während ich den Ruhm und Glanz meines gesellschaftlichen Aufstiegs feiere, arbeitet es bereits tief in mir drinnen: Welche Bilder pflanze ich Euch als nächstes in den Kopf, welches epische Werk der wortlosen Kunst entsprießt dem Meisterhirn in Folge zwei der Kategorie „Einwortliteratur“? Okay, genug der bunten Bilder meiner so glanzvollen Zukunft, ich habe einen Artikel zu schreiben.

 

Wo wir gerade bei der Illusion gewesen sind, mit nahezu keinem Aufwand und minimalem Kompetenzeinsatz Geld zu verdienen: Immobilienmakler!

 

Eines vorweg: Ich habe nichts gegen Immobilienmakler per se. Ich bin entgegen vieler Freunde stets frei von Vorurteilen diesem Berufsstamm gegenüber gewesen und kann sogar einige Menschen dieser Gattung zu meinen engen Freunden zählen. Die Ausgangssituation ist, daß ich mit meiner kleinen Familie seit einigen Monaten entspannt, jedoch konsequent auf der Suche nach einem neuen zu Hause bin. Unsere Vorstellungen sind sehr konkret und folgendermaßen kurz zusammengefaßt: Es soll sehr ländlich und küstennah sein, ein saniertes und renoviertes Bauernhaus mit viel Grundstück sowie einige weitere Details, die diesem Artikel keinen Mehrwert bieten. Entsprechend diesen Kriterien sind wir in den gängigen Portalen kontinuierlich auf der Suche, sowie auch abseits des Mainstreams. Zu den Fakten: Wir haben schätzungsweise 30+ Kontaktanfragen zu Maklern hinter uns, welche in ca. 10 Besichtigungen resultierten. Die folgenden Zeilen basieren somit auf unseren eigenen Erfahrungen und sind bitte mit dem nötigen Augenzwinkern zu verstehen.

 

Der Immobilienmakler – ein Definitionsversuch

Treue Leser meines Blogs wissen, wie ich mich als digitales Kind am Liebsten einem Thema nähere – ich frage Wikipedia. Da steht dann sinngemäß, ich verkürze für Euch: Ja, Immobilienmakler gibt es. Die gibt es sogar teilweise mit Ausbildung. Die vermieten und verkaufen Häuser und erhalten dafür eine Provision. Die wichtigste Passage aus meiner Sicht:

„Die Bezeichnung Immobilienmakler ist weder geschützt noch bedarf es zur Ausübung eines Nachweises über die fachliche Eignung oder berufliche Ausbildung.“ (Wikipedia Eintrag Immobilienmakler)

Ach je, das ist jetzt überraschend… Dann sind wir vermutlich immer an die Falschen geraten. Klar ist, wer eine 1.5 Zimmer Wohnung mit guter Verkehrsanbindung in Form der Hauptstraße in Bottrop sucht oder etwa auf eine 3 Zimmer Altbau-Wohnung in Hamburger Szenelage fokussiert ist, kann von seinem Makler vieles erwarten, aber keine aufopferungsvolle Hingabe. Denn beides Bedarf nicht vieler schmeichelnder Worte. Das eine nicht, weil es hundertfach inseriert und einfach wenig sexy ist, das andere weil es hunderte Bewerber gibt und somit keinen Platz oder gar Bedarf für individuelle Gespräche bietet. Wir hingegen suchen im Zeitalter der Landflucht etwas ruhiges altes, einen besonderen Ort mit viel Platz und Individualität. Für jeglichen Makler die perfekte Ausgangssituation, auf unsere Ansprüche tiefer einzugehen und uns Bilder in den Kopf zu zaubern.

 

Phase 1: Finden und Termin vereinbaren

Wie erwähnt bedienen wir uns jeglicher verfügbarer Quellen, um etwaige Traumimmobilien zu finden. Mittlerweile sind wir Profis und in der Recherche stets neuer Angebote sehr effizient. Die für uns ausschlaggebenden Kriterien sind überaschenderweise Daten und Fakten, Bilder sowie die Beschreibungstexte. Es bleibt festzuhalten:

Daten und Fakten

Gefühlte 50% der Anzeigen sind hier unvollständig – warum? Fehlen dem Makler Angaben? Dann mach gefälligst deinen Job und finde diese heraus…

Bilder

Die größte Baustelle. Zugegeben, als Makler muß man kein Profifotograf sein. Aber jedem noch so nicht-ausgebildeten und dennoch den Traumjob ausübenden Makler sollte doch bewußt sein, daß die Bilder das Tor zum „ersten Verlieben“ der potentiellen Käufer sind. Aber vielleicht ist das auch der Trick und ich bin der Dumme. Vielleicht fotografiere ich beim nächsten Autoverkauf meinen Wagen einfach bewußt nicht gewaschen, Closeups vom Moos am Fensterrand, setze den vollen Aschenbecher in Szene sowie das selbst vollgekrümelt noch hochwertige Interieur, im Hintergrund die benutzen Taschentücher in den Seitenablagen hervorblinzelnd… Was ich sagen will: Total überraschender Weise ist das erste Bild jenes, welches sich in der Liste konkurrierender Angebote dem Käufer darstellt. Sorgt dafür, daß wenigstens dieses ein wenig einladend aussieht. Und, ach ja: Es steht ja ein Haus mit 5.000qm Garten zum Verkauf. Wäre klasse, wenn der Garten dann auch mit zumindest einem einzigen Foto berücksichtigt werden könnte. Oder gerne auch umgekehrt: Schön, daß der Garten mit 10 Bildern das Exposé schmückt und daß das Haus mit einem Photo, und dann noch von außen, vertreten ist. Stimmt, wir wollten sowieso 364 Tage im Jahr zelten, weshalb uns das Innere des Hauses auch nicht ganz so wichtig ist. Ach, das Haus ist von Innen eine Ruine? Nun ja, das haben wir uns bei „Traumimmobilie im Dornröschenschlaf“ schon denken können, danke. Aber Bilder würden trotzdem helfen zu beurteilen, ob Dornröschen mittlerweile mumifiziert ist und ein Aufwecken den gleichen Erfolg wie Erschießen hätte oder mit einigem Ehrgeiz und Budgeteinsatz wieder ein passables Deern hervorzuzaubern geht.

Beschreibungen

Zugegebenermaßen sind die Beschreibungen auch nur das Sahnehäubchen der Anzeige. Wenn man sich bei den Daten&Fakten und Bildern noch nicht verliebt hat, hilft die Beschreibung auch nicht weiter. Wie wir modernen hippen Mitdreißiger sagen: Die Beschreibung ist kein Game Changer. Und hoppla, hier machen zumindest gefühlt 50% der Makler ihre Hausaufgaben. Warum? Habt ihr mal über Conversion Trichter nachgedacht? Nein? Jemals davon gehört? Conversion… Also, Leute rufen an und vereinbaren einen Termin. Trichter… Oben breit, unten schmal. Und wie funktioniert der jetzt? Leute geben Kriterien ein und sehen hunderte Angebote: Headline und erstes Bild. Wenn beides annähernd ok ist, dann klicken sie die weiteren Bilder durch und im besten Fall „hat das Objekt etwas“. Und bevor man dann den Kontaktbereich aufruft, läßt man sich gerne noch in der Beschreibung eine Geschichte erzählen und holt sich Informationen zur Lage. Das Ziel sollte also sein, möglichst ganzheitlich am Anfang dieses Pfades zu überzeugen und den Trichter unten so breit wie möglich zu machen. Bei geschätzten 2.500 Immobilienanzeigen in den letzten 6 Monaten habe ich keine einzige (!) näher verfolgt oder gar gespeichert, bei der die Beschreibung toll, der Rest jedoch schlecht gewesen ist. Aber vermutlich bin ich in euren Augen ein Einzelfall.

Terminvereinbarung

Das klappt dann ja doch irgendwie immer und in den meisten Fällen auch am Wochenende. Es gab einige Ausnahmen, die lieber unter der Woche Besichtigungen vereinbaren wollten. Aber all dies sind Dinge, an denen ich mich nicht weiter störe, da ich glücklicherweise selbständig bin und mir die Zeit einteilen kann. Andernfalls wäre mein Urlaubskonto schon ein wenig geplündert… Warum die Terminvereinbarung so gut klappen? Vermutlich ist den Maklern irgendwann aufgegangen, daß sie um vieles herumkommen können, nur um Besichtigungen nicht…

 

Phase 2: Die vor Ort Besichtigung

Man kommt an und möchte erst einmal „kurz ankommen“ und sich einen Überblick verschaffen. Meistens schwierig. Schade, denn irgendwo habe ich mal gehört, daß der erste Moment zählt – die ersten Sekunden. Vermutlich überbewertet. Egal, wir sind da und werden direkt begrüßt. Manchmal kannte man unerklärlicherweise ob der ganzen Vorabauskünfte sogar unseren Namen. Sind damit schon alle Speicherzellen eines Homo Maklerus belegt? Wir werden es näher erörtern. Freundlich sind sie ja alle. Aber irgendwie fokussiert emotional emotionslos: Lächeln, da wo es abgebracht scheint und interessiert wirkend, sich jedoch nahezu nichts merkend. Zeit haben sich alle genommen, ausnahmslos. Man geht durch die Räume und bekommt die Daten&Fakten heruntergespult und stellt man keine Fragen sind auch kaum Informationen mit Neuigkeitswert zu erwarten. Am Ende der Besichtigung wird geklärt, wie man verbleibt und das war es dann auch schon. Oftmals erbitten wir uns auf eigene Initiative noch eine kleine Runde durch das Anwesen, nehmen uns Zeit, alles wirken zu lassen und haben die Ruhe, einige ehrliche Worte ohne das Beisein des Maklers vor Ort auszutauschen. Momente und Worte, die so entscheidend sein können.

Wir halten fest, daß es bei Besichtigungen fehlt, auf die individuellen Bedürfnisse der Besichtigenden einzugehen. Da steht eine Familie mit Kind auf einem Bauernhof mit malerischem Garten. Setzt uns Bilder in den Kopf: Male mir vor, wo mein Kind spielen wird, wo eine Schaukel aufgehängt werden könnte. Sag mir, daß nebenan ebenfalls eine Familie mit Kind wohnt, daß 2.000qm des Grundstücks noch Bauland sind und für den Kleinen irgendwann auch ein Haus gebaut werden könnte, daß wir uns keine Sorgen um Windräder oder Stromtrassen machen müssen, weil alles unverbaubar ist, daß ich als in Hamburg Arbeitender wunderbar im ersten Stock mit Blick über die Felder im Homeoffice arbeiten könnte und den kreativsten Ausblick der ganzen Branche genieße, aber SAG EINFACH IRGENDETWAS, was Bezug zu uns und unserer Situation hat, die du kennst. Also, sofern der Speicher nicht mit dem Namen voll ist. Wobei, warte. Nein, ist er nicht. Beim Abschied heißt mein Sohn nur noch „der Kleine“ – der Speicherplatz seines Namens wurde schon wieder freigegeben…

Ist das jetzt unfair von mir? Wissend, daß es etliche derartige Termine im Laufe eines Makler-Tages gibt? Nein, es ist deren Job und wenn nur ein wenig Empathie, Aufmerksamkeit und Aufrichtigkeit im Spiel wäre, würde so manche Besichtigung besser laufen. Wobei meine ganz eigene Theorie ist, daß dahinter eine klare Kosten-Nutzen-Rechnung steckt: Wenn ich mich übermäßig tief auf jedes besichtigende Paar einlasse und individuell berate, kommen manche Geschäfte zwar schneller zu Stande. Im Schnitt kauft jeder im Laufe meiner Makler-Karriere aber sowieso nur ein Objekt, so daß jegliche Bemühungen nur in einer besseren Wahrnehmung meiner Beratung resultieren, jedoch im Verkauf nicht einen Euro mehr in die Kasse spülen. Fair enough, kann man so sehen…

 

Die Ausnahme

Aber nun möchte ich nicht gänzlich mit der Branche brechen. Denn es gab tatsächlich eine Ausnahme, die wir erleben durften. Eine Dame, die sich wirklich Mühe gegeben hat, Fragen stellte und uns Bilder in den Kopf zauberte. Und daraus leitete ich direkt einen vagen Rückschluß ab: Kann es sein, daß Angestellte von Sparkassen besser ausgebildet sind? Vielleicht auch nur eine Ausnahme, aber jegliche Kontaktanfragen zu diesem „Typ Makler“ liefen zielführender und kompetenter, als die zu den anderen… Wobei es auch festzuhalten gibt, daß wir längst nicht zu allen Makler-Organisationen Kontakt hatten. Es gibt schon noch so ein oder zwei, denen ich durch’s Hören-Sagen sehr viel zutraue. Unter’m Strich hat unsere Erfahrung aber auch gezeigt, daß Termine von privat mit den Besitzern der jeweiligen Immobilien weitaus besser, persönlicher und emotionaler gewesen sind… Vielleicht finden wir einfach bald unsere Traumimmobilie, können es beim Verkauf unserer aktuellen selbst besser machen und leben dann glücklich bis an’s Ende unserer Tage………. ohne Immobilienmakler!

 

Versönlicher Abschluß – mein Angebot

Falls es nun Immobilienmakler geben sollte, die tatsächlich auf diesem Artikel gelandet sind und überraschender Weise so tapfer waren, bis an diese Stelle mit dem Lesen fortzufahren: Zum einen sind die Ausführungen stückweise mit einem Augenzwinkern zu sehen und wir lassen uns gerne eines besseren belehren. Wenn Sie sagen, daß Sie gänzlich anders vorgehen und im Rahmen unserer Suche vermittelnd helfen wollen – kontaktieren Sie mich jederzeit, wir würden uns freuen! Darüber hinaus biete ich jedem Makler an, einen Termin mit seinen Kunden einmal so individuell und herzlich durchzuführen, wie ich es aus Kundensicht erwarten würde. Natürlich nur, wenn ich bei erfolgreichem Verkauf auch die Provision erhalte…

 

Und zu guter Letzt möchte ich am Ende bereits einen der nächsten Artikel einläuten. Hand auf’s Herz: Wer von Euch mußte in der Einleitung dieses Artikels seinem inneren Trieb, einer fordernden inneren Stimme nachgehen und durch akribisches Nachzählen feststellen, daß das Wort „Immobilienmakler“ gar nicht 15, sondern in Wahrheit 16 Zeichen hat? Herzlichen Glückwunsch! Über Euch schreibe ich meinen nächsten Beitrag…

 


 

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